Über die Wurzeln des Namens Systema wird genauso gestritten, wie über die Ursprünge dieser Kampfkunst selbst.
Systema, russisch für "Das System", wird von einigen als pragmatische Bezeichnung für ein ganzheitliches Paket aus Philosophie, Medizin, Bewegungslehre und Spiritualität aufgefasst. Andere hingegen argumentieren, dass es sich hierbei um einen Titel, oder eine Sammelbezeichnung für mehrere verwandte, aus traditionellen Ursprüngen hervorgegangene Kampfkünste handelt. Wieder andere vermuten den Ursprung hingegen weit später unter Stalin und die Bezeichnung schlichtweg als naheliegende Abkürzung für „System des waffenlosen Nahkampfes“.
Wie auch immer es tatsächlich sein mag, ob man nun von einer heterogenen Masse, oder von speziellen Ursprüngen ausgeht – Systema ist ein Konzept, dass den Trainierenden im Leben und nicht allein im Kampf begleitet und unterstützt.
Diese von der beweglichen russischen Reiterei vermutlich um das 10. Jahrhundert entwickelte Kampfkunst, musste anpassungsfähig, leicht zu erlernen und in jeder Situation anwendbar sein. Was die Kosaken, von den Griechen ihrer Zeit „Skythen“ genannt, im Sinne hatten, findet noch heute seine Anwendung. Auch wenn im Laufe der Zeit verschiedene Einflüsse beispielsweise des russischen Militärs auf das System eingewirkt haben, so bleibt es im Kern eine traditionelle altrussische Kampfkunst. Aufgrund der Uneinigkeit über die Ursprünge und die tatsächlich nachweisbare historische Lage, gibt es auch keine einheitliche Handhabung, oder Verwendung des Namens Systema.
Tatsächlich haben sich unter diesen Namen mehrere Strömungen entwickelt, andere hingegen werden einfach fälschlicherweise als Systema bezeichnet. So wird beispielsweise häufig von Sambo, Combat Sambo, Spetsnatz und Systema gesprochen, als würden alle Namen den gleichen Stil beschreiben. Aber auch wenn die Wurzeln vielleicht ähnlich, Bewegungsmuster teilweise identisch, oder Grundprinzipien partiell übereinstimmen, handelt es sich bei allen um verschiedene Varianten russischer Kampfkünste (vergleichbar mit Aikido, Aikijutsu, Judo und Jiu-Jitsu im japanischen Raum).
Korrekterweise unter dem Namen Systema sind klassischerweise die Schulen von Michail (Mikhail) Ryabko und Aleksey Kadochnikov.
Der Systema-Ost e.V. lehrt und praktiziert allerdings ausschließlich das sogenannte Ryabko-Systema.
Wie wird trainiert?
Trainiert wird in angenehmer Atmosphäre, die von allen getragen wird. Das Training ist gleichermaßen für Jung und Alt, Mann und Frau geeignet. Es gibt keinen Meister, keine Ränge oder Prüfungen und keinen Beweisungsdruck. Es gibt ausschließlich den Lehrer und seine Schüler, doch jeder Anwesende ist ein gleichberechtigter Mittrainierender – der gleichzeitig das Recht hat, von allen geachtet und fair behandelt zu werden, um den größtmöglichen Lernerfolg zu genießen, als auch selbst in der Pflicht steht, allen Trainingspartnern ebendies zu ermöglichen. Es ist stets ein Geben und Nehmen und jeder steht für sich und seine Trainingspartner in der Verantwortung.
Anders, als es vielleicht beim Anblick, oder bei der Erzählung erscheinen mag, ist Systema weder brutal, zerstörerisch, noch sind seine Anhänger Sadisten, oder heiß auf Schmerzen. Tatsächlich sind Verletzungen, von Muskelkater und blauen Flecken vielleicht einmal abgesehen, äußerst selten und zumeist Ergebnis der eigenen Unbeherrschtheit. Wer sich traut Fußball zu spielen, braucht hier also keinerlei Angst zu haben.
Auch das Bild vom militanten Tarnhosenträger, oder kahlgeschorenen russischen Inkasso-Teams ist Teil der Mythenwelt. Trainiert wird in stabiler Alltagskleidung, d.h. jeder trägt, was er möchte. Wer tagsüber in Tarnhosen unterwegs ist, kann diese genauso anziehen, wie einen Kimono, oder einen Brustharnisch.
Das Training beim Systema ist weniger dogmatisch, als bei den bekannteren asiatischen Kampfkünsten. Es gibt keine festen Positionen, Techniken, oder Formen. Grundlegende Regeln sind allerdings für jedes System unumgänglich. Rücksichtnahme und Respekt, Gleichberechtigung, "Fördern durch Fordern" und eine grundlegend liberale Einstellungen gehören genauso dazu, wie das Prinzip der Harmonie und Zerstörungsfreiheit. Weder man selbst, noch der Partner – auch in einer Gefahrensituation – sollen nach Möglichkeit verletzt werden.
Darüber hinaus gibt es einige Prinzipien, die stets Anwendung finden. Dies sind die drei Säulen, die das Training tragen.
Atmung – der Körper benötigt Sauerstoff. Den Organismus je nach Bedarf kontinuierlich damit zu versorgen, ist von größter Wichtigkeit. Muskeln verkrampfen bei Sauerstoffmangel und die Psyche wird durch Atemnot stark belastet. Atmung ist der Schlüssel zu Ruhe und Leistungsfähigkeit.
Form – Körperhaltung und Entspannung sind essenziell für einen gesunden Bewegungsablauf. Die Schulung der stets richtigen, d.h. ergonomischen, stabilen und natürlichen Haltung, ist Grundbestandteil des Trainings. Nur wer gut steht, kann von dort aus auch kontrolliert und koordiniert reagieren. Die körpereignen Ressourcen effektiv zu nutzen, keine Energie zu verschwenden und sinnlose Gewaltauseinandersetzungen zu vermeiden, ist der Antrieb für Entspannung.
Zustand – geistige Verfassung ist die Basis jedes Handelns. Wer unter Stress steht, macht viele Fehler. Wer impulsiv handelt, bereut vielleicht, wozu er sich entschieden hat. Einen guten Zustand zu bewahren, bedeutet, im Einklang mit sich selbst zu bleiben, sich nicht durch Emotion, Druck, Stress, oder Angst beeinflussen zu lassen und Entscheidungen mit dem Verstand zu fällen. Diese drei Säulen sind offensichtlich nicht voneinander loszulösen. Nur wer körperlich entspannt ist, kann geistig ruhig und ausgeglichen bleiben. Und nur wer ruhig und ausgeglichen bleibt, trifft gute Entscheidungen.
Wer verkrampft ist, kann schlecht atmen. Atemnot führt zu Stress, welcher wiederum zu schlechten Entscheidungen führt. So stehen alle Säulen untereinander in steter Relation und nur wer sich stets bemüht, allen Ansprüchen dieser Säulen gerecht zu werden, kann vom bestmöglichen Lernerfolg profitieren.
Über diese Prinzipien hinaus gibt es natürlich Anleitung vom Trainer, oder erfahrenen Schülern, die Verletzungen vermeiden helfen und auf Erfahrung basierende Hinweise, um Lernerfolge sichtbar zu machen.
Was unterscheidet Systema von anderen Kampfkünsten?
Wie alle Kampfkünste bietet Systema im Gegensatz zum Kampfsport kein Regelwerk für kämpferische Auseinandersetzung, sondern vielmehr eine Lebensweise, -Sicht und -Einstellung.
Wer Systema ernsthaft trainiert, lebt zwangsläufig danach. Das bedeutet nicht, dass man sich weltlichen, oder religiösen Leitpersönlichkeiten unterordnet, oder jedes Seminar besucht. Das bedeutet vielmehr, dass Systema und die essenziellen Grundbestandteile der vermittelten Philosophie Einzug in den Alltag halten. So hilft geistige und körperliche Entspannung bei der Stressbewältigung vielfacher Art – sei es eine anstrengende Übung, eine schwere Prüfung, oder ein emotionaler Streit. Das Training steigert im großen Maße Kondition, Koordination, Einschätzungsvermögen und Körpergefühl. Trainierende entwickeln ein neues Verständnis vom eigenen Körper, von Bewegung und Selbstwertgefühl.
Trotzdem steht beim Systema weniger die Meisterschaft der Disziplinen im Vordergrund, sondern vielmehr der Selbstbezug. Man trainiert, um sich selbst zu kennen, zu erfahren und zu begreifen. Im Training offenbaren sich Stärken und Schwächen, charakterliche Defizite und Verbesserungsmöglichkeiten gleichermaßen. Das bedeutet, dass jeder bestrebt sein sollte, zu leisten, was er auch leisten kann. Die persönliche Grenze zu erreichen, zu überschreiten und auszubauen, ist Ziel jeder Übung.
Da jeder andere Grenzen besitzt, geht es nicht darum, mit anderen zu konkurrieren, sondern sich stets selbst zu verbessern. Im Trainingsalltag bedeutet dies ganz einfach: Tu stets soviel wie du kannst, nicht mehr und nicht weniger. Sei ehrlich zu dir und deinen Partnern. Denn nur dann können alle Trainierenden bestmöglich lernen.
Systema ist eine lebendige Kunst, die durch ihre Ausübenden dargestellt wird. Darin begründet liegt auch die spezifische Einfärbung jedes Trainings. Manch ein Trainer legt größeren Wert auf das Verständnis der Biomechanik hinter den traditionellen Lehren, die manchmal wie aus der Schulmedizin des 21. Jahrhunderts wirken könnten. Andere hingegen setzen auf den psychisch-spirituellen Anteil des Konzeptes ihren Fokus. Wieder andere schärfen den Blick gegenüber der sozial-interaktiven Komponente der Bewegung und der durch das Training erwachsenen Verantwortung gegenüber anderen Menschen.
Das Ziel eines Jeden sollte überdies dennoch gleich sein: Den größtmöglichen Lernerfolg zu erzielen und daraus resultierend, jeden Menschen nach seinen besten Möglichkeiten zu fördern.
Damit stellt Systema seinen Trainierenden den ehrgeizigsten aller Ansprüche:
Tu stets dein Bestes, sein ein guter Mensch und höre nie auf zu lernen.























